Beethovens geistliche Werke:

1. Trauer-Kantate auf den Tod Kaiser Josephs des Zweiten für zwei Solostimmen, Chor und Orchester WoO 87 (1790)

Text von Severin Anton Averdonk

 

Als am 24. Februar 1790 im Rheinland die Nachricht eintraf, Kaiser Joseph II. sei vier Tage zuvor in Wien gestorben, beschloß die aus einem aufklärerischen Bund von "Illuminaten" hervorgegangene Bonner "Lese- und Erholungsgesellschaft" eine Ge­dächtnisfeier abzuhalten - schließlich war der verstorbene Monarch ein älterer Bruder des in Bonn residierenden Kurfür­sten Maximilian Franz. Der Universitätsprofessor Eulogius Schneider übernahm die Rolle des Lobredners und schlug vor, bei der Feierlichkeit eine Kantate aufzuführen, eine in dieser Zeit wenig gepflegte musikalische Gattung. Unter seiner Leitung wurde von dem jungen Dichter Severin Anton Averdonk (1768-1817) der Text verfaßt, und Ludwig van Beethoven erhielt den Kompositionsauftrag. Allerdings gelang es ihm offenbar nicht, das Libretto in der vorgegebenen kurzen Zeit zu vertonen, so daß in einem Protokoll vom 17. März kurz berichtet wird, die Kantate könne "aus mehreren Ursachen nicht aufgeführt werden".

 

Beethovens Vorhaben dürfte die Erwartungen der Auftraggeber übertroffen haben. Statt etwa einer schlichten Solokantate mit Klavierbegleitung schrieb er ein großbesetztes Werk, mit mehreren Solisten, Chor und einem Orchester, das den Einsatz der gesamten kur­fürstlichen Kapelle erfordert hätte (neben den Streichern jeweils doppelte Besetzung von Flöte, Oboe, Klarinette, Fagott und Horn). Beethoven vollendete das Werk ungeachtet der versäumten Aufführungsgelegenheit; wahrscheinlich hat er es später Joseph Haydn als Arbeitsprobe vorgelegt. Eine genaue Datierung der Fertigstellung ist nicht möglich, zumal das Autograph verschollen ist und die Existenz der Kantate lange Zeit nur vermutet wurde. Erst der Musikkritiker Eduard Hanslick machte den Fund einer aus dem Nachlaß von Johann Nepomuk Hummel stammenden Partiturabschrift bekannt, so daß die vermutlich erste Aufführung am 23. November 1884 in einem Konzert der "Gesellschaft der Musikfreunde" in Wien erfolgte. Damit änderte sich zugleich die bis dahin eher zurückhaltende Einschätzung von Beethovens Frühwerk, zumal auch ein Johannes Brahms sich anerkennend über die Trauerkantate äußerte.

 

Wenn das Werk heute selten zu hören ist, spielt hierfür gewiß der Text eine Rolle: Averdonk stellt sich in die Tradition der höfischen Trauerpoesie, verwendet klischeehafte Wendungen mit übersteigertem Ausdruck in der Wahl seiner Metaphorik ("Felsen weinet...", "Wogen des Meeres, heulet...", "ein schauerndes Lüftchen weht..."). Der neunzehnjährige Beethoven versteht es jedoch, die Dichtung gekonnt und wirkungsvoll in Musik umzu­setzen. Großes Gewicht hat die einleitende - und von Beethoven zur formalen Abrundung am Ende des Werkes wiederholte - Totenklage, in der alternierende Bläser- und Streicherklänge in einer instrumentalen Largo-Einleitung (c-Moll) eine besondere Atmosphäre schaffen. Hierdurch kommen die mit großer Emphase einsetzenden Stimmen von Chor und Solisten um so wirkungsvoller zur Geltung. Die Melodik weist oft Sprünge in verminder­ten Intervallen auf, eine kunstvolle Harmonisierung und der Umgang mit dynamischen Gegensätzen beweisen das Können des jungen Beethoven.

 

Auch die weniger hervorragenden Teile der Kantate zeugen von der Vertrautheit des Komponisten mit seinem Handwerk: Die bravoureuse, einen extremen Stimmumfang erfordernde Baß-Triumpharie (Nr. 3) folgt dem Typus der "Aria di portamento" mit großen Intervallsprüngen und lang gehaltenen Tönen. Das Rezitativ (Nr. 5) zeigt, daß der junge Beethoven sich mit Techniken auseinandergesetzt hatte, wie sie von Christoph Willibald Gluck in seiner Oper "Orphée" verwendet worden waren. In der "Adagio con affetto" überschriebenen Sopran-Arie (Nr. 6) ist die differenzierte und eigenständige Behandlung der vier Bläserstimmen (Flöte, Klarinette, Fagott, Horn) auffällig.

 

Beethoven hatte dieses "Werk ohne Opuszahl" keineswegs als gescheiterte Gelegenheitskomposition aus seiner Bonner Jugendzeit ad acta gelegt: Bei der Komposition seiner Oper "Leonore" bzw. "Fidelio" griff er auf die Trauerkantate zurück. Die dominierende Cantilene der im Grunde instrumental konzipierten "Aria con Coro" (Nr. 4, "Da stiegen die Menschen ans Licht") gelangte als "Humanitätsmelodie" zu besonderer Bedeutung und findet sich im Quintett des letzten Aktes ("O Gott, welch ein Augenblick") wieder.

 

Die Trauerkantate, deren Notentext seit 1996 im Rahmen der neuen Gesamtausgabe der Werke Beethovens vorliegt, ist somit weit mehr als nur ein Beispiel aus den Bonner Jahren des Komponisten. Ihre Aufführung mag ein klingender Beleg dafür sein, wie früh Beethoven eine musikalisch ungewöhnliche Entwicklung eingeschlagen und zu seiner eigenwilligen Tonsprache gefunden hat.

Beate Angelika Kraus

 

 

 

TEXT:

 

Nr. 1 Chor und Soli

Tot, stöhnt es durch die öde Nacht.

Felsen, weinet es wieder!

Und ihr Wogen des Meeres,

heulet es durch eure Tiefen:

Joseph, der große, ist tot!

Joseph, der Vater unsterblicher Taten,

ist tot, ach tot!

 

Nr. 2 Rezitativ (Baß)

Ein Ungeheuer, sein Name Fanatismus,

stieg aus den Tiefen der Hölle,

dehnte sich zwischen Erd' und Sonne,

und es ward Nacht!

 

Nr. 3 Arie (Baß)

Da kam Joseph, mit Gottes Stärke,

riß das tobende Ungeheuer weg

zwischen Erd' und Himmel,

und trat ihm auf's Haupt,

dem tobenden Ungeheu'r

trat er auf's Haupt.

 

Nr. 4 Arie (Sopran) mit Chor

Da stiegen die Menschen ans Licht,

da drehte sich glücklicher

die Erd' um die Sonne,

und die Sonne wärmte

mit Strahlen der Gottheit!

 

Nr. 5 Rezitativ (Sopran)

Er schläft,

von den Sorgen seiner Welten entladen.

Still ist die Nacht,

nur ein schauerndes Lüftchen weht

wie Grabes Hauch mir an die Wange.

Wessen unsterbliche Seele du seist,

Lüftchen, wehe leiser!

Hier liegt Joseph im Grabe

und schlummert im friedlichen Schlaf

entgegen dem Tage der Ver­geltung,

wo du glückliches Grab

ihn zu ewigen Kronen gebierst.

 

Nr. 6 Arie (Sopran)

Hier schlummert seinen stillen Frieden

der große Dulder, der hienieden

kein Röschen ohne Wunde brach,

der große Dulder,

der unter seinem vollen Herzen

das Wohl der Menschheit unter Schmerzen

bis an sein Lebensende trug.

 

Nr. 7 Chor und Soli

Tot, stöhnt es durch die öde Nacht.

Felsen, weinet es wieder!

Und ihr Wogen des Meeres,

heulet es durch eure Tiefen:

Joseph, der große, ist tot!

Joseph, der Vater unsterblicher Taten,

ist tot, ach tot!